Blumensamen für meinen Freiwilligendienst

Vor allem während des Vorbereitungsseminars für den Freiwilligendienst habe ich das Gefühl, dass ich jetzt in dieser wertvollen Zeit zwischen Abi und dem Abflug viele Samen säe, die ich erst in Ghana wirklich ernten kann. Sieben Tage lang werden wir von Teamenden des ICJA dafür sensibilisiert, was es bedeutet, ins Ausland zu gehen und welche Themen wir dabei immer im Gepäck haben werden.

Sieben Tage Onlineseminar klingen erst mal nicht wirklich attraktiv, doch ist es eine total bereichernde Zeit für mich. Wir sprechen über Rassismus, Sexismus und Privilegien, die einher gehen mit Diskriminierung, über unsere Rolle im Gastland, über Gefühle, die sich in die Vorfreude mischen.

Wir stellen uns Fragen wie: „Was hat mich zu diesem Punkt im Leben gebracht?“, „Mit welchem historischen Erbe erscheinen wir im Ausland?“ und „Wie treten wir anderen Kulturen im Hinblick bestehender Vorurteile gegenüber?“

Wir diskutieren über die verschiedene Wahrnehmung von Privilegien und Diskriminierung, und ich lerne, dass Diskriminierung nur von diskriminierten Personen eingeordnet werden kann und niemals aus einer privilegierten Situation heraus. Sprechen auch darüber, ob weiße Personen ebenfalls Rassismus erfahren können, wenn sie in einem afrikanischen Land leben oder ob dieser Rassismus niemals mit dem feindseligen gegenüber Schwarzen verglichen kann (ich denke letzteres).

Wir unterhalten uns in kleineren Gruppen darüber, was unsere Emotionen zu Familie, Freunden und Liebe weltweit sind. Wie man Kontakt halten kann, welche Sorgen wir in dieser Hinsicht vielleicht auch im Gepäck haben.

Und wir lernen dazu. Mit dem Input zu all den Themen tauchen viele Gedanken auf, die erst reifen müssen – die ich jetzt säe und dann in Ghana besser begreifen kann. Ich lerne auch von den inspirierenden Menschen, mit denen trotz der Online-Kacheln tolle Gespräche entstehen, die oft sehr tiefgreifend sind. Ich reflektiere viel: über die sensible Haltung, die ich unbedingt in Ghana brauche – vor allem in der Hinsicht von „White Saviourism“ und europäischer Geschichte. Und ich habe jetzt umso mehr Vorfreude auf das Jahr, das langsam realer erscheint.

Die nächsten Wochen gehen ähnlich weiter. Der Visumsantrag, den ich anfangs als großen Berg an Dokumenten und Anforderungen empfinde, ist irgendwann abgeschickt und wird auch so akzeptiert. Ich mache Arzttermine aus, kaufe mir ein Twi-Lernbuch (regionale Sprache in Ghana) und erstelle diesen Blog hier. Hole mir die letzten Impfungen, mache eine Packliste. Lade Leute auf eine Abschlussfeier ein, die ich irgendwann auch noch organisiere. Fahre nochmal mit meiner Familie, Freund:innen und Nathan in den Urlaub. Koste die Zeit aus. Fühle mich gestresst, wenn ich mir überlege, was alles vor dem Abflug noch schief gehen könnte – und gleichzeitig auch immer vorfreudiger.

Es ist für mich Blumensamenzeit, die ich genieße. Ich bin gespannt auf die Blumen, die entstehen werden und dankbar für den Boden, auf dem die Blumen wachsen können.

 

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