Bis in einem Jahr und über die ersten Geduldslektionen in Ghana


Das Verabschieden in Deutschland fällt schwer, aber es ist auch schön zu sehen, wie viele tolle Menschen ich in meinem Umfeld habe, die ich vermissen werde. Die Abschiedsparty mit meinen Freund:innen, die letzten intensiven Tage mit meiner Familie und Nathan und nicht zuletzt das Packen mit ewig langer Packliste, irgendwie ist das eine spannende Zeit zwischen Wehmut, Tanzen und Dankbarkeit.

Und dann kommt der Abflugtag: mein Koffer ist aufgegeben, die Geige ins Handgepäck geschmuggelt und mein kleiner Rucksack vollgepackt mit lieben Briefen, allen wichtigen Dokumenten und der letzten bayerischen Brezn für knapp ein Jahr. Es ist doch ziemlich schwer, sich von der letzten Umarmung zu lösen, durch die Sicherheit beziehungsweise ins Flugzeug zu gehen und das letzte Mal meinen Liebsten zuzuwinken. Aber dann auch mega cool, dass es endlich losgeht!

In Istanbul treffe ich um Mitternacht die anderen Freiwilligen, wir sehen uns das erste Mal in real life nach den ganzen Online-Seminaren und dann steigen wir schon in den nächsten Flieger, der uns schlafend einmal über die Sahara nach Accra bringt. Schon beim Aussteigen ist klar: dieses Jahr werden wir schwitzend verbringen, denn es hat um 5.00 Uhr morgens schon knapp 25°C. Auf dem Weg zum obligatorischen Coronatest lerne ich direkt einen Ghanaer kennen, der mir sofort seine Nummer gibt. Mit einem Lächeln im Gesicht kann man hier echt schnell Kontakt finden… Auch das Gepäck ist gut angekommen und wir wollen direkt Geld wechseln. Die erste Geduldslektion, denn der Typ vor uns wechselt ungefähr 6000€ in Cedi.

So geht’s in etwa beim Abholen weiter, Geduldslektion zwei. Zwei super nette Betreuerinnen von ICYE Ghana holen uns ab und da fast alle außer mir zwei große Koffer haben, gestaltet sich das Einladen zunächst als schwierig. Im Bus für zwanzig Leute finden wir aber tatsächlich nach einer halben Stunde 30 riesige Koffer, eine Geige, eine Trompete, eine Ukulele und 15 Leute – gute Tetrixskills sind hier am Start. Die anderen sechs Freiwilligen quetschen sich mit dem Fahrer in ein Miniauto und dann geht’s los. Von Accra sehe ich wegen der Koffer nicht viel, aber dann kommen wir bald im Hostel an. Nach dem ersten Frühstück, ein Rührei zwischen zwei Milchbrötchen-Toast-Scheiben, geht’s auf zur dritten und auch schwersten Geduldslektion: warten im kleinen Hinterhof des Immigration Office zu dreißigst neben einem Bürocontainer. Ich habe als erste nach einer Stunde meine Non-Citizen-Ghanacard, nach Fingerabdrücken, Fotos und co. Nach fünf Stunden haben endlich alle ihre Karte und einen weiteren Corona-Test gemacht, Bürokratie-Marathons gibt es auch in Ghana. Ohne Schlaf, Wasser und Essen sind wir um 17.00 Uhr total fertig, als wir zurück ins Hostel kommen und ich habe erstmal das Gefühl, ein ganzes Jahr hier nicht zu schaffen…



… aber zum Glück sind die nächsten Tage so gut, dass das schon wieder kein Thema mehr ist: zusammen die Aufenthaltsgenehmigung beantragen und Dokumente zusammen suchen, history and cultural lesson, Twi-Stunde und unsere ghanaische „Taufe“. Traditionell wird jedes Baby hier neben einem westlichen Namen nach dem Tag benannt, an dem es geboren wurde und bekommt dafür einen Tropfen Alkohol und dann einen Wassertropfen auf die Zunge geträufelt. So auch bei uns, nur dass es sich um einen ganzen Ingwershot handelt. Ich heiße jetzt Yaa, weil ich an einem Donnerstag geboren wurde. Namenstechnisch haben hier eh alle Probleme mit Meret, weswegen ich von den Betreuer:innen nun Ricarda, nach meinem Zweitname, genannt werde und das wohl das Jahr über beibehalten werde. Ansonsten füllt sich die Zeit mit Extrasachen wie Simkarten kaufen, Geld wechseln, das erste Mal mit einem Eimer duschen und Passfotos machen lassen – das erste Mal richtig unterwegs in Accra!


Auch sprechen wir mit unseren Betreuern viel über Freiwilligenarbeit, dass wir z.B. nicht zum Helfen, sondern zum Unterstützen da sind, über Reinlichkeit und dass wir immer unsere Zimmer putzen müssen(scheinbar waren unsere Vorgänger immer sehr unordentlich), unsere Motivation und auch Ängste.


Untereinander haben wir Freiwilligen auch lange Zeit zum Reden und Austauschen, was schön ist, denn ein bisschen sind wir dieses Jahr über eine Familie von Personen in der gleichen Lebenssituation. Wir tanzen zusammen, sowohl traditionell ghanaisch als auch frei, spielen Klatschspiele, die Ruth von ICYE uns beibringt, packen einmal alle Instrumente aus und lernen mit einem anderen Freiwilligen ein bisschen Zirkus. Einmal gehen wir in eine Bar aus und probieren ghanaisches Bier, was sogar mir als Nicht-Bier-Trinkerin ganz ok schmeckt.

                            

der Strand


Dann verändert sich eh alles nochmal, weil die anderen schon zu ihren Projekten abgeholt werden und nur Alma, Julia und ich drei Tage länger bleiben. Zu dritt ziehen wir direkt los zum Strand und erleben das erste Mal Armut in Accra in einem Viertel, in dem Leute sehr sehr arm sind, betteln und nicht nur der Strand ziemlich vermüllt ist. Das ist erschreckend, wie schnell man dann irgendwie beim Klischeebild von „Afrika“ ankommt und doch total wichtig zu wissen – das sind jetzt 5% von Accra, die so sind und den anderen Menschen geht es hier ziemlich gut. Wir lernen aus der Situation, dass wir uns beim nächsten Mal die Karte anschauen, bevor wir ohne Plan irgendwo hin laufen. Die Tage sind ansonsten sehr entspannt, wir gehen einmal zum Independence Square und zum Einkaufen, wir lernen, „Nein“ zu sagen, sprechen mit den netten Menschen, die uns im Hostel immer fragen, ob alles ok ist und genießen noch ein bisschen Ruhe bevor die nächsten Tage ziemlich trubelig werden.


       wir am Black Star Square 


Morgen werden wir drei wahrscheinlich noch zum Memorial Park für Kwame Nkrumah gehen, denn es ist gut, etwas zu tun zu haben – ansonsten holen einen doch noch schnell Wehmut und Heimweh ein, gerade im Spiegel dessen, dass ich zuhause in Deutschland ein so liebes Umfeld habe und hier alles noch so neu ist. Deswegen ist es schön, dass hier viele im Hostel interessiert an uns sind und ich schon mit einigen länger ratschen konnte. Ich freue ich mich auch schon auf die Projekte und eine Struktur im Tag, aber dazu in einer oder zwei Wochen mehr! Bis dahin, Ɛneɛ akyire!

Kommentare

  1. Sooo schön, was von dir zu lesen und ein kleines bisschen an deinem Abenteuer teilzuhaben🌞♥️

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    1. Hey Emilia, schön, dass du dabei bist! Ist bis jetzt erst ein kleines Abenteuer, aber das wird schon noch mehr… 😂☀️♥️

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  2. Es ist mega schön wieder von dir zu Hören und zu wissen, dass es dir gut geht und alles soweit geklappt hat.😘

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    1. Hey Amelie, das ist super lieb, ich freu mich, dass du den Blog liest💜

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  3. Wow! Ich finde es so toll was du machst und das mit dem Heimweh, Leute und zuhause zurücklassen, kann ich so gut verstehen! So ging es mir die erste Woche auch. Aber sobald du das gemeistert hast, wird es eine wundervolle Zeit für dich :)))

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    1. Elsa, du bist ja auch unterwegs, schön von dir zu hören! Dann kannst du ja gut nachvollziehen was ich meine☺️🇬🇭🇪🇸

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  4. Toll, dass du in kurzer Zeit schon so viel erlebt hast, Meret! Freut mich, dass du gut angekommen bist. Verrückt, dass du jetzt auf den Namen Ricarda bzw. Yaa hören musst :) Liebe Grüße, Marleen

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    1. Hallo Marleen, schön von dir zu hören! An Ricarda habe ich mich tatsächlich schon total gewöhnt und das Vorstellen auf Twi läuft super... Liebe Grüße :)

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  5. Yaa Meret Ricarda! Endlich habe ich deinen Blog und lese ihn mit einem fröhlichen Grinsen. Weisst du noch, als ich die an der Konfirmation gesagt habe, das man als Erwachsene immer weniger an einem Tag lernt, in Gegensatz zu unserer Zeit als Kinder? Reisen in fremde Kulturen macht uns wieder zu Kindern. Jeder Tag, jede Stunde, neue Eindrücke, neues Wissen. Danke, dass du das mit uns teilst. Innige Umarmung von Katrin

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    1. Hey meine liebe Katrin, ich fühle mich hier echt wieder wie ein Kind, so viele neue Eindrücke und Leute um mich herum... ich muss sagen, hier wachse ich gerne! Jetzt haben wir ein bisschen Rollen getauscht, nicht nur du bist in der weiten Welt unterwegs und darfst Kind sein:)

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  6. Ahhh Meret, endlich bin ich dazu gekommen deinen Blog zu lesen! Also erstmal wow, du schreibst einfach soo schöön - man hört dir so gerne zu:) Und natürlich alles mega spannend!! Ich freue mich schon mehr von deinem Abenteuer zu hören:)Mach's gut und pass auf dich auch��

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    1. Hey Charlotti, ich freue mich, dass du den Blog gerne liest, egal wann :) Danke dir!

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