Die Überraschungsfamilie und der kurvenreiche Weg zur Arbeit

Nach zwei Wochen, die ich jetzt schon in Agona Duakwa wohne, möchte ich euch auf meinen Weg zur Arbeit und in meinen Alltag mitnehmen.


Unser Weg

Der Morgen fängt mit meiner Gastfamilie an. Die war nicht eingeplant, eigentlich sollten Alma und ich in unserem Projekt wohnen und nur übergangsweise bei der Familie bis unsere Freiwilligenwohnung renoviert sein würde. Weil wir aber so begeistert auf die Idee reagiert haben, im Dorf unter Leuten und nicht alleine unterzukommen, haben wir unsere Überraschungsgastfamilie geschenkt bekommen und ich werde es wahrscheinlich als eine der schönsten Wendungen dieses Jahres in Erinnerung behalten. Besagte Gastfamilie besteht aus unserem Gastvater Michael, der Chef der Orthopädieabteilung im Rehabilitationszentrum ist, den Kirchenchor leitet und Trompetenunterricht gibt. Unsere Gastmutter Christiana führt den kleinen Einkaufsladen auf dem Rehabgelände, kocht dort für die Patienten und ist gleichzeitig Nählehrerin für viele Mädels bzw. Ladies, die sie alle Madam nennen. Mit unserem Gastbruder haben wir noch nicht so viel zu tun, er ist ungefähr zehn und nicht so interessiert an unserer Anwesenheit, aber mit Abigail (12), die als Tochter eines Freundes hier wohnen darf und immer im Haushalt mithilft, verstehen wir uns gut. Unsere zwei weiteren Schwestern kennen wir noch nicht.



Der Hof

Das gesamte Familien- und Sozialleben vieler Menschen spielt sich auf dem Hof ab, um den sich das Haus zieht. Alma und ich wohnen zusammen in einem kleinen Zimmer und wenn wir in irgendeinen anderen Raum wie Bad oder Wohnzimmer wollen, dann müssen wir einmal über den Hof laufen. Dort ist eigentlich immer etwas los: Freunde von unserem Gastbruder sind da, unsere Nachbarn, die Nähmädels unserer Gastmama, die beim Kochen helfen und die ungefähr zwanzigjährigen Trompetenjungs, die inzwischen selber kleineren Kids das Trompetespielen auf dem Hof beibringen – und alle sind interessiert an uns, was uns sozial den Anfang viel leichter macht. Einmal wurden wir schon von den Musikboys ausgeführt, wobei wir daheim nicht erzählen durften, dass wir da Alkohol getrunken haben, denn unsere Familie ist sehr christlich.



von unserer Gastmama genähtes Kirchenoutfit

Es gibt hier immer Musik, sei es von den Trompetern oder der Brassband, was total schön ist und auch ich habe schon unter großer Bewunderung meine Geige ausgepackt und ein bisschen mitgemacht. Alma und ich singen außerdem im Kirchenchor und haben schon ghanaische Lieder und zugehörige Tänze gelernt. Gut so, denn die Musik macht die sonntäglich langen Gottesdienste so viel besser!


Geigeüben mit Publikum

Auf dem Hof kochen wir jeden Abend mit unserer Gastmama verschiedene ghanaische Köstlichkeiten und samstags waschen wir hier unsere Wäsche im großen Waschbottich mit der Hand. Damit ist dieser kleine Platz für uns schon schnell zu einem zuhause geworden, vor allem seit Alma und ich eine kleine Kommode haben und auch unsere Bilder von daheim aufgehängt sind. Wir fühlen uns total wohl und aufgenommen.

Hier startet also unser Tag und der Weg zur Arbeit. Meistens ein bisschen zu spät laufen wir kurz nach sieben los, entweder mit Michael oder Christiana und manchmal auch alleine. Sobald wir aus dem Hoftörchen heraustreten, fängt das große Grüßen an: allen sagen wir guten Morgen und wie es geht und bekommen ein breites Lachen geschenkt, wenn wir das in der lokalen Sprache versuchen. Die Kinder und manchmal auch Erwachsene rufen uns Obruni hinterher, was weiße Person bedeutet und an der Häufigkeit dieser Begegnungen kann man erkennen, dass wir als Weiße hier die totale Ausnahme sind. In den letzten zwei Wochen haben wir genau eine andere weiße Person getroffen. Unser Dorf Agona Duakwa ist einfach klein und so im Hinterland, dass sich hierher keine Touristen verirren und auch ehemalige Freiwillige waren wohl eher wenig in der Town unterwegs. Teilweise ist die Reaktion auch das komplette Gegenteil und kleine Kinder verstecken sich hinter den Beinen ihrer Mütter, weil sie Angst vor uns haben. Das vergisst man schnell, dass wir für sie total fremd ausschauen.



Die Hauptstraße (immerhin geteert)

Unser Weg schlängelt sich also durch kleine Häuschen, an allein drei Schulen vorbei – hier gibt es einfach mehr Kinder – durch Palmen, Bananen-, Mango-, Papaya- und Kakaobäume hindurch und vor allem immer wieder auf und ab. Der rote lehmige Boden mit den vom Regen geformten Rillen ist, wenn es nass ist, eine echte Herausforderung. Aber wir laufen gerne, man sieht viel, wir üben Twi und die fünfzehn Minuten sind immerhin ein bisschen Sport… Außer vielen Menschen treffen wir auch immer Ziegen, Schafe, Schweine, Hühner und Hunde, die laufen hier frei rum und finden im Müll auf den Straßen recht gut was zu essen.

Nach diesen vielen Begegnungen kommen wir in der Arbeit an, immer verschwitzt und im besten Fall ohne schlammige Schuhe und vollgespritzter Hose. Die morgendlich Devotion fängt oft nur mit uns beiden Freiwilligen und wenig anderen Mitarbeitenden an, trotz des tiefen Gottesglaube ist 7.30 Uhr halt einfach früh für Ghanaer:innen, die eher nicht pünktlich sind.


Blick von der Arbeit auf den Regenwald

Danach geht’s auf zur Arbeit, wobei viele dann erstmal frühstücken und wir eine Stunde warten. Cool ist, dass wir total frei sind, was wir arbeiten wollen, denn Salvation Army hat viele Projekte hier in der Gegend: das Rehabcenter, ein Krankenhaus, eine Entbindungsstation, eine Gehörlosenschule, eine Waisenschule und eine Regelschule. Natürlich ist es aber nicht sinnvoll, zu viele Dinge in einer Woche zu machen, denn um bei der Arbeit assistieren zu können, braucht es Routine und Erfahrung. Deswegen bleiben wir für den nächsten Monat erstmal im Rehab, wir arbeiten wochenweise in der Werkstatt der Orthopädie bei unserem Gastpapa, in der Administration, in der Mental Health Unit und in der Physiotherapie. So richtige Arbeitserfahrung konnten wir bis jetzt wegen des vielen Umorganisierens und vieler Stunden Warten noch nicht sammeln, aber einen kleinen Einblick haben wir schon gewonnen: Im Rehab geht es um die Behandlung und Inklusion von Kindern mit Behinderung und das wird auch recht gut umgesetzt, sei es mit Rampen überall oder der Sensibilisierungsarbeit für verschiedene Einschränkungen.

Das ist also mein Weg zur Arbeit und bis ich eine Routine drin habe, bleibt der auch jeden Morgen weiterhin spannend für mich. Genau wie all die kleinen Erlebnisse, die wir die letzten Tage sammeln durften… 


Impressionen vom Markt in Swedru



Ich freue mich, euch bald noch mehr in die vielen kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede mitzunehmen...

Kommentare

  1. So ohne Geschirrspüler- vor allem aber ohne Waschmaschine nimmt Haushalt einen viel größeren Zeitraum im Alltag ein. Ich seh Deine Wäsche auf der Leine flattern!
    Birke

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    1. Hier werden wir einfach noch mal erzogen so viel wie wir machen müssen😂aber es ist dann auch schön, stolz aufs Waschen zu sein!

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  2. Wie toll es ist ohne Alltag zu leben. Jeden Tag als einzelnen zu sehen, jeden Tag so viel Neues zu lernen, kein Trott in dem die kleinen, schönen Dinge untergehen… 🌍

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    1. Melli, total schöne und wahre Worte☀️ich hoffe, du lebst gerade auch jeden Tag neu, aber so wie ich dich kenne, wahrscheinlich schon!

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  3. Einfach nur wow!
    Was du in so kurzer Zeit alles erlebt hast und kennengelernt hast ist einfach unbeschreiblich!
    Es freut mich wahnsinnig, dass dein großer Wunsch mit der Gastfamilie doch noch in Erfüllung gegangen ist und dass du so vielleicht noch schneller in die Gemeinschaft reinwachsen kannst.
    Ich freue mich schon auf dein nächsten Update!!!

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    1. Danke, ich hab einfach total Glück mit meiner Familie gehabt!

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  4. Liebste Meret, so schön, dass du in einer Gastfamilie leben kannst. Ich lächle glücklich, wenn ich deine Zeilen lese. Du bist so eine aufmerksame Beobachterin und dein neuer Alltag liest sich wie ein Krimi. Besonders berührt mich das Bild von dir als Geigenlehrerin. Und es freut mich so sehr, das die so viele gute Dinge widerfahren. Geniesse jeden neuen Moment. Ich umarme Dich, deine Katrin

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    1. Wenn ich mein Tagebuch über den Tag schreibe, fühlt es sich manchmal echt an wie ein Krimi, vor allem weil die kleinen kulturellen Unterschiede für uns noch verborgen und unverständlich sind. Aber die werden wir mit der Zeit noch alle aufdecken!

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  5. Klasse, Meret! Das klingt nach jeder Menge Alltags-Abenteuer :) toll, dass ihr euch für eine Gastfamilie entschieden habt und so viel mehr mit den Ghanaer:innen in Kontakt kommt! So lebst du dich bestimmt besser und schneller ein :) viel Freude weiterhin beim Entdecken, Marleen

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    1. Danke Marleen! Eine ghanaische Cousine hab ich hier trotz der Gastfamilie noch nicht bekommen, da seid ihr aus Deutschland noch ganz aktuell😂

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  6. Es ist schön, deine Erlebnisse noch mal ruhig allein zu lesen, auch wenn du mir am Telefon ja schon viel erzählst hast!

    Ich muss oft an mein Auslandsjahr denken wenn hier lese.

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    1. Und ich muss an dich denken, wenn ich über mein Leben hier reflektiere…

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  7. Hi Meret, Du in Ghana, da kommen jede Menge Erinnerungen bei mir auf, wenn auch meine Zeit in Ghana schon viele Jahre zueueck liegt. Mein einiger Rat, lass Dich auf Land und Leute ein. Take care, stay save and lots of love Claudia South Afrika habe Dir ein what's app mit meiner e-mail address geschickt

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