Halbzeitgedanken und Banku


 


Ich sitze im Shop von meiner Gastmama. Die Sonne steht schon tief und scheint mir ins Gesicht, während ich Cassava reibe. Ich lerne, wie man Banku macht, eins der ghanaischen Nationalgerichte. Man weicht getrockneten Mais drei Tage lang in Wasser ein, bis er gärt und lässt ihn dann zu Brei mahlen. Diesen Brei, vermischt mit dem geriebenen Cassava, rührt man über der traditionellen Kochstelle, d.h. über glühenden Kohlen oder offenem Feuer, bis er sich verdickt. Man nennt es „Banku driven“. Die Arbeit ist anstrengend, denn je länger ich rühre, desto zähflüssiger wird die Masse und gleichzeitig ist die Bewegung sehr meditativ. Ich lasse meine Gedanken schweifen und vergrübel mich ein bisschen. Fünf Monate bin ich schon in Ghana, ab jetzt zählen die Tage rückwärts.

Am Anfang mochte ich Banku nicht. Jetzt sitze ich hier und lerne, wie man es zubereitet, weil ich es so gerne mag. So viel hat sich verändert. 

 

Ich bin angekommen im Land. Ich bewege mich überall sicher und gerne. Ich liebe es, zu reisen, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und ganz viel neues zu sehen.

 

Ich bin angekommen in der Kultur. Ich stolpere nicht mehr über kleine Unterschiede, wie dass man immer mit der rechten Hand grüßt - es ist Gewohnheit. Ich  habe aus meinen Geduldslektionen gelernt und kann stundenlang warten… Ich weiß, wie ich kommunizieren soll, kenne den nötigen Respekt zu verschiedenen Leuten und den Umgangston miteinander. Ich bin vertraut mit kulturellen Unterschieden und den vielen Gemeinsamkeiten. Ich weiß, wie die Gesellschaft funktioniert.




Ich bin sozial angekommen. Ich liebe es, hier zu sein. Es gibt manchmal Momente, da fühlt es sich nicht so an, wenn jemand, den ich eigentlich als Freund:in kenne, Geld von mir verlangt, weil ich ja weiß sei oder wenn zu viele Leute an einem Tag mich nur Obroni, weiße Person, nennen, obwohl sie meinen Namen kennen. Aber solche Situationen sind im Vergleich total unwichtig. Wenn ich zur Arbeit laufe oder in der Stadt unterwegs bin, kenne ich so viele Menschen und werde immer herzlich gegrüßt. Auf der Arbeit habe ich meine Freunde und es stehen noch viele Treffen mit irgendwelchen Leuten aus, weil ich einfach wenig Zeit habe. Ich bin gut mit den Müttern der stationären Patienten befreundet und kann immer zum Kochen vorbei kommen. Ich kann zu Alma, ich kann nach Hause zu meiner Gastfamilie. Erst dieses Wochenende war es total schön mit meinen besten Freunden aus der Kirche, wir haben mit unserem Chor auf einem Wettbewerb gesungen, alles organisiert, auf- und abgebaut, unter anderem Nachtschichten geschoben und viel getanzt. Ich fühle mich so wohl hier.



Ich bin auch angekommen bei mir selbst. Manchmal habe ich mich gefragt, ob ein Freiwilligendienst eine gute Idee ist. Ich habe keinerlei Berufserfahrung und manchmal das Gefühl, total unnötig zu sein. Aber ich kenne inzwischen meine Position. Ich bin hier für den kulturellen Austausch, zum Lernen, für die persönlichen Kontakte. 

 

Ich reflektiere sehr viel über mein Leben. Meine Freunde aus der Kirche haben andere Zukunftschancen als ich, die mir jede Tür offensteht. Mein bester Freund wartet seit zwei Jahren darauf, dass seine Bewerbung an der Schule für die Immigrations Behörde angenommen wird. Ich werde nach Deutschland zurückkommen und direkt studieren dürfen. Ich kann wieder nach Ghana kommen - ob mich jemand hier aus Ghana in Deutschland besuchen wird, ist nicht klar. Ich bin mir meiner Privilegien und der Diskriminierung anderer bewusst und das schöne ist, dass sie in meinen Freundschaften keine Rolle spielen. Aber sie sind da. 



Ich verändere mich durch all diese Einflüsse. Ich bin lockerer, offener, habe viel dazu gelernt und bin gespannt, wie die nächsten Monate noch werden. Beängstigend, hier bald wegzumüssen.

 

Zurück zum Banku. Ich kann nicht mehr, ist zu anstrengend. Die obligatorischen Videos haben die Nähmädels schon gemacht und ich gebe den Rührstab ab. Sister Betty kann das eh viel besser als ich und sie schaut auch noch so elegant dabei aus. 





Nach zwei Stunden ist das Banku fertig. Alles braucht seine Zeit. 

 

Sind zehn Monate genug?





Kommentare

  1. Sind 10 Sekunden, 10 Jahre genug? In sich und in die Welt hören, hören was gerufen wird. Unendliches Hören auf dem Moment.

    Ich geniesse es unendlich, Dir zuzuhören, liebste Meret. Weisst Du noch, was ich dir am deiner Konfirmation sagte? Für Momente des ersten Males werden weniger, wenn man Erwachsen wird. Ich habe mich vielleicht geirrt. Denn durch deine Erzählungen führst du mir vor Augen, wie jede Begegnung mit Neuem, Unbekannten, ein erstes Mal ist. Die Suche danach mag nicht mehr neu sein, aber die Begegnung mit neuen Menschen ist doch jedesmal ein erstes Mal. Geniesse diese Momente und auch das Gefühl der Wohligkeit einkehrender Routine. 10 Monate sind genug und viel zu kurz zur selben Zeit. Innige Umarmung, länger als 10 Sekunden, Deine Katrin

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    1. Liebe Katrin, Ich höre hier auch zehn Monate lang zu, viel mehr als ich es in Deutschland getan habe. Mir selber und anderen. Zehn Monate hören und ganz viel mitnehmen aus dieser kurzlangen Zeit. Ich freue mich, dir bald wieder zuhören zu dürfen… Eine lange Umarmung zurück!

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