Amen

„Letzten Sonntag war ich nicht in der Kirche – “, ich hatte mit meiner Familie telefoniert und den Satz beendet mit den Worten, „war komisch irgendwie“. Und dann hab ich gestutzt.






Ich würde mich als Agnostikerin bezeichnen. Ich glaube nicht an Gott im kirchlichen Sinne, vielleicht gibt es da eine übernatürliche Macht, vielleicht auch nicht. Und trotzdem gehe ich inzwischen jeden Sonntag in die Kirche. Wie ist es dazu gekommen?


Kirche und Glaube haben in Ghana einen sehr hohen Stellenwert. Auf rund 8000 Einwohner in meinem Dorf kommen über acht große Kirchen und auch Moscheen haben wir. Ich schreibe jetzt mal über die Salvation Army. Da gehe ich wegen meiner Gastfamilie hin, aber es ist mir immer, vor allem im Gespräch mit Ghanaer:innen, wichtig zu betonen, dass ich kein Salvationist und schon gar keine Missionarin bin. Da fängt ja die ganze Geschichte an.


1922 brachte Leutnant King Hudson (in Ghana Amoako´Ata genannt), die Salvation Army nach Agona Duakwa, also in mein Dorf, und missionierte seine Landsleute. Das greift noch heute, 100 Jahre später, denn viele Ghanaer:innen sind wirklich vorbildliche Christen. Meine Freunde und Familie lesen fast täglich die Bibel, beten morgens, abends und bevor sie essen, man fragt in schweren Zeiten andere, dass sie für einen beten, es stehen jede Woche abends Prayers, Bible Studies und Women´s Congregation und sonntags natürlich Gottesdienst an und Geld wird auch gespendet. Nicht zu vergessen, dass die Salvation Army Mitglieder meist Uniformen tragen. 


Das hat mich am Anfang wirklich gestresst. Wie sagen, dass ich noch nie die Bibel gelesen, noch nie ein Tischgebet gesprochen habe, nicht öffentlich für andere beten will, generell einfach nicht gelernt habe zu beten und jeden Tag einer übernatürlichen Instanz, an die ich nicht glaube, zu danken, dass ich aufwachen durfte? Ich wurde zum Chamäleon. Bin mitgelaufen, um nicht aufzufallen, um zu gefallen und um in diese Gemeinschaft hineinzuwachsen. Kirche als Mittel zum Zweck.


Irgendwann haben sie dann schon gemerkt, dass ich nicht den gleichen tiefen Glauben habe. Ich habe erzählt, dass ich meine Bibel nicht mitgenommen und da auch noch nie so richtig reingeschaut habe. Ich habe zugegeben, dass ich, wenn dann nur auf Deutsch beten kann und auch keine Lust habe, eine Andacht zu leiten. Und mein bester Freund hat inzwischen auch rausgefunden, dass ich nicht jeden Tag bete – ich glaube jetzt betet er immer für mich mit… 


Andere Ansichten und Einstellungen werde ich allerdings nie zeigen. Zum Beispiel meine Meinung über das Thema Geld. Die Lebenserhaltungskosten der Pfarrersfamilie werden von der Kollekte gestemmt und es wird dauernd versucht, noch mehr Geld einzutreiben. Das finde ich nicht gut. Viele Mitglieder sind arm und der Anspruch ist so hoch, Geld zu geben. Ein weiteres heikles Gebiet ist die LGBTQ+-Debatte, die hier gerade völlig hochkocht. Die Kirche sagt, das sei von Gott nicht erlaubt und hetzt auch öffentlich dagegen. Da sage ich aus Selbstschutz nichts.




Das Tanzen ist der coolste Part des Gottesdienstes



Auf der anderen Seite ist die Kirche für mich mit sehr schönen Seiten verbunden. Ich bin im Kirchenchor, wo ich lokale Songs lerne, bin Teil einer sehr engen Gemeinschaft, einige meiner besten Freunde sind aus der Kirche und ich erlebe das typische ghanaische Leben. Sich jeden Sonntag schick machen und mit der Familie in die Kirche gehen, nachher quatschen und dann was leckeres zusammen kochen. Außerdem ist auch der Gottesdienst anders und spannend. Wir haben eine Brassband (das sind meine Freunde, die Trompetenjungs), es wird viel gesungen, getanzt und es ist wahnsinnig laut. Einziges Problem: das dauert im blödsten Fall bis zu fünf Stunden. Da der Gottesdienst auf Twi ist, schalte ich aber eh etwas ab und mache mir dann so meine Gedanken zu der Woche. Geduld habe ich ja auch gelernt, also geht die Zeit schon rum… 





Mein bester Freund meinte mal zu mir: „Ricarda, das ist doch seltsam. Ihr Weißen habt das Christentum nach Ghana gebracht und jetzt sind wir so viel strengere und bessere Christen als ihr…“. Ich kann nicht so richtig antworten. Ich sehe, wie viel Familie und Gemeinschaft die Kirche bringt und gleichzeitig glaube ich, dass ein freier Glaube, der mit weniger Pflichten verbunden ist, vielleicht schöner wäre. Aber ich darf mich dazu nicht äußern. 

Es wird komisch sein, wenn ich dann in Deutschland sehr selten im Jahr zu meinen Freunden sagen werde: „Letzten Sonntag war ich in der Kirche.“

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