Das Krankenhaus am Rande der Welt


die Patientinnen kommen zu Fuß

Schon der Weg ist besonders. Wir ruckeln im Auto, Hügel rauf und runter. Die schmale Straße immer mal wieder gesäumt von Menschen, die genauso interessiert uns angucken, wie wir sie. So ganz genau wissen wir den Weg nicht, weder der Fahrer noch die beiden Ärzt:innen, geschweige denn Lola und ich. Also fragen wir ab und zu nach, immer geradeaus. 


Warten die alten Frauen und Männer auf etwas? Sie strahlen absolute Ruhe aus. Und haben doch auch den neugierigen Blick, die Offenheit auf ein Lächeln zu antworten. Wer gelassen ist, muss vielleicht gar nicht warten. Kann geschehen lassen.


Rund ums Krankenhaus ist es still. Vögel zwitschern und der Wind streift durch die Bäume. Wir werden erwartet, der Arzt und die Ärztin sind vorher angerufen worden, um hier Patient:innen zu sehen. Wie viele? wissen wir nicht. 


Der medizinische Angestellte führt uns herum. Ein Wassertank, 30 000 Liter, Solarpanels, Dachterrasse, Behandlungsräume (verwaist) und die Pharmazie. Niemand ist da, nur der Koch bereitet schon unser Frühstück vor. Entspannte und gelöste Stimmung und das Essen ist famos.


Der Koch zaubert lecker Essen


Puri


Danach sinnieren Lola und ich schweifenden Blickes. Von der Dachterrasse aus sehen wir die einzelnen Häuser, getupft in Felder, die sich stufenartig in die Hänge schmiegen. Der Rhododendron schickt die ersten Blüten. Der Moment berührt. Ein Ausblick aus dem eigenen Leben in ein anderes. In eins, wo Feldarbeit zur täglichen Aufgabe gehört, Kühe melken, Ziegen füttern, in den Himmel gucken, wie das Wetter wird, sich über die Trockenheit sorgen, nachmittags mit den anderen einen Chia trinken. Kurz ganz nah dran am anderen Leben. 



Bauernhäuschen, ganz verstreut 

Gut eigentlich, dass wir Langeweile haben, das heißt ja, vielen Menschen geht es grad gut, sagt Lola. Stimmt. Die lange Weile, mich erinnert die Stimmung an Das Café am Rande der Welt. Seltsame Klarheit. Und so viele philosophische Gedankensprünge.


Um elf kommen die ersten Patientinnen, Töchter und Mama. Herzliche und lustige alte Frauens, die da ihre Probleme mitbringen, Rückenschmerzen, Blutdruck, Schwerhörigkeit. Alle rufen, anders geht's nicht. Die eine Patientin flunkert ganz schön, als sie sagt, jaja, ich esse in Zukunft weniger Chili und Öl. Nie und nimmer, ich muss schmunzeln.







Eine andere Patientin, zahnlos und schwerhörig, erzählt und erzählt, brauchte wohl mal jemand zum zuhören. Später übersetzt uns die HNO-Ärztin, dass die Frau ein Lied im Kopf hört, immer und immer wieder. Wenn sie das mit jemand aus dem Dorf teilt, dann wird sie für verrückt erklärt. Die Ärztin meint: je tiefer man ins Leben guckt, desto mehr kann man die Einsamkeit oder Traurigkeit von manchen alten Menschen spüren. Aber das können wir nicht immer, sonst gehen wir selbst dran kaputt. Sie hat recht, die soziale Situation können wir nicht immer auffangen. Zuhören können wir. Und da nehmen sich heut alle Zeit dafür.


Und beobachten. In der Pause reden die Ärztin und ich drüber, wie das ist, mit allen Sinnen zu erleben. Blumen die wie Einstein ausschauen, Friedhof angucken, Geschichten erzählen, wir machen viel Quatsch. Nach dem Mittagessen eine kleine Siesta, wir sind entspannt. Jetzt kommt wohl auch niemand mehr, um vier fahren wir wieder zurück ins Stadtleben.



Besagter Quatsch 



Zum Abschied denke ich nochmal an die Menschen, die hier oben immer sind. Im Krankenhäuschen, der medizinische Angestellte, der immer da sein muss, falls ein Notfall ist. Einsam. Wächst einem die Ruhe irgendwann über den Kopf? Ich hatte den Tag über das Gefühl, er freut sich in sich drin ziemlich über unser Gekicher und Gespräche. Geht's ihm gut, ist er glücklich? Am Rande der Welt? In der Mitte einer kleinen Welt? 

Kommentare

  1. Tolle Beschreibung des Mikrokosmos um eine kleine medizinische Eigenwelt, die so wichtig ist, gerade dort, wo sonst keine Hilfe erreichbar ist. 👍

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  2. Es geht ihm dann gut, wenn er das so hinnehmen kann und nicht immer mehr möchte. Wir können daraus nur lernen.

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  3. Beim Lesen dachte ich erst, ab welchen Wohlstandswehwechen wir leiden. Und dann wurde mir klar, dass wir alle am selben Leiden. An Angst, nicht ernst genommen zu werden, ausgegrenzt zu werden. Und plötzlich kam mir der Gedanke, dass wir neben dem Krankenhaus am Rande der Welt das Café am Rande der Welt mich viel nötiger haben. Dieser Ort, wo wir aussprechen können, welche Lieder wir im Kopf hören, welche Träume uns plagen und leiten, vor welchen Dämonen wir uns verstecken müssen. Dafür braucht es keine Hightech Medizin. Nur Highsensitiv. Und wie gut studierst du beides. In Leipzig und auf Weltwegen.

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